Gestern morgen war ich spazieren im Aachener Stadtpark und lief vorbei an den Vorbereitungen zu den Kurpark Classix. Das ist eine Reihe von OpenAir Klassikveranstaltungen an diesem Wochenende. Auf dem Rückweg war gerade Generalprobe eines Konzerts für Kinder: Malte und die Detektive. Ich hab mich hingesetzt und die letzte halbe Stunde zugesehen.
Das Konzept der Veranstaltung: Kindern wird die “Angst” vor Klassik genommen, indem einzelne Stücke eingebettet sind in eine Art Kinderunterhaltung. Dieser Malte ist wohl vom Tigerentenclub. Die Story: das “C” ist verloren gegangen. Malte und die Detektive gehen also auf die Suche nach der Note “C”. So treffen sie immer auf verschiedene Musiker und fragen, ob die das C haben. Niemand hat das C. Doch dann erfahren die Kinder jeweils etwas über das Instrument des jeweiligen Musikers. Und der jeweils vorgestellte Musiker spielt dann im Anschluss immer ein Stück zusammen mit dem Orchester. Klassikstücke. Zum Teil mit Opernstimme und so. Und am Ende finden sie einen Trompeter, der also doch noch das C hat. Happy End.

Foto: photocase.com © Gerti G.
Was mich nachdenklich gemacht hat: Der Ansatz ist ja definitiv gut gemeint. Kinder langweilen sich nicht in Konzerten der Erwachsenen, sondern bekommen ständig Input. Können die Einzelheiten besser verstehen, von dem was da abgeht. “Ach, das sind also Waldhörner…” Kinder lernen spielend, wie so ein Orchester aufgebaut ist, worauf es ankommt etc…
Ziel war also definitiv, Kindern die Musik zugänglich machen. Sie dazu zu motivieren, auch ein Instrument lernen zu wollen. Das ist ja auch richtig so, Kinder sollten musizieren. Schaden tut es nie, eher im Gegenteil.
Womit ich aber immer mehr ein Problem hab, ist der Zwang: Eltern wissen, dass musikalische Kinder bestimmte Zusammenhänge schneller verstehen, lernen zu lernen, soziale Fähigkeiten entwickeln und so weiter. Heute, in Zeiten der Elite und Exzellenz, gehört es natürlich zum guten Ton, dass MEIN Sohn bei der musikalischen Früherziehung ist/war. Mein Kind soll schließlich mal Elitekind werden. Sich so entwickeln, dass es immer vorne dabei ist. Und natürlich soll es Ahnung von Kultur haben. Und zwar die richtige Kultur: Kultur unseres Verständnisses; dazu gehört natürlich klassische Musik.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Musik und klassische Musik gehört mitunter dazu, doch seh ich bei dieser ganzen Sache ein Problem. Wenn das Ziel ist, musikalische Kinder hervorzubringen, sollte man doch auch dafür sorgen, dass die Kinder nicht aufhören damit. Etwa damit aufhören, weil sie ihr halbes Leben dazu gezwungen worden sind. Weil Klavierübungen ihnen keine Freude war, sondern eine Pflicht, weil die Eltern ja schließlich viel Geld in den Unterricht steckten. Und was passiert, wenn sich ihre musikalische Erfahrung bis in die Teenagerjahre auf klassische Musik beschränkt? Man will dann in dieser Zeit keine Klassik hören. Man will das hören, was die anderen hören. (Ob man TokioHotel jetzt mag oder nicht, aber sie gehören wahrscheinlich dazu). Und plötzlich hat die eigene Musikalität, die sich auf Klassisches beschränkt, rein gar nichts mehr damit zu tun, was man gerne hört. Sie repräsentiert “Eltern”. Sie repräsentiert das, was man in dieser Zeit ablegen möchte. Als Resultat hören die Kinder irgendwann auf, Instrumente zu spielen, weil das nichts mehr mit ihrer Lebensrealität zu tun hat. Nicht cool.
Und was haben die Eltern nun hervorgebracht? Kinder, die mit Musizieren Zwang und Leistungsdruck verbinden. Kinder, die sich davon befreien wollen, sobald sie’s können.
Was hat das ganze jetzt mit Malte und den Detektiven zu tun? Malte kann nichts dafür, aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass genau diese Art von Eltern am Sonntag diese Veranstaltung besuchen. Die Art von Eltern, die ihre Kinder schonmal vorbereiten wollen auf ein kultiviertes Eliteleben. Und da stieß es mir auf. Vielleicht gehe ich ja mal morgen vorbei und schaue, ob ich recht hatte…