Wer gefunden werden will, muss Spuren hinterlassen.

December 19th, 2008

“Release Early, release often!”, ist  seit geraumer Zeit ein Motto in der Software- und Internetwelt: Hast du eine Idee, die du umsetzen willst – schau dass du so schnell wie möglich einen Releasekandidaten hast und veröffentliche ihn. Auch wenn noch Features fehlen. Dann update regelmäßig und füge in einem konstanten Rhytmus neue Features hinzu.  Da es schon Nutzer gibt, bekommst du regelmäßig Feedback. 

Man kann und sollte diesen Spruch nicht eins zu eins auf jegliches kreatives Schaffen übertragen, aber ich habe für mich persönlich eine Parallele gezogen. Wie manche ja bereits wissen, mache ich selber Musik und habe irgendwann angefangen am Computer Lieder aufzunehmen / Lieder zu frickeln. Es hat alles ein bisschen gedauert, man muss sich finden. Zum Musikmachen birgt der Computer sehr viele Chancen aber auch Risiken. Man hat alle Möglichkeiten, kann viele viele Sounds benutzen, läuft aber auch Gefahr, sich in der Vielzahl der Möglichkeiten zu verlaufen und seine Richtung zu verlieren. So kam es, dass ich nach einem Jahr einen riesigen Ordner auf der Festplatte liegen hatte mit angefangenen Liedern, Ideen und kleinen Fragmenten. Alles offene Enden, nichts fertiggestellt. 

Ich hatte zuvor immer den Anspruch, dass wenn ich irgendwann Lieder veröffentliche, solle das ein bestimmter Stil sein (mein Stil). Die Lieder sollten so gut sein, dass sie sofort einschlagen. Ja, ich bin Perfektionist und Musik soll vollkommen sein. Doch man steht sich selbst im Weg. Solange man noch nichts erreicht hat, ist der eigene Perfektionismus die größte Blockade.

Und irgendwann habe ich angefangen damit aufzuhören. Ich wollte mich selbst heilen: Lieder ins Internet stellen, von denen man selber schon beim hochladen weiß, an welchen Stellen etwas besser gewesen wäre, was nicht ganz stimmt und überhaupt die nicht das repräsentieren, was ich eigentlich könnte. Somit wird man gezwungen sich öffentlich zu zeigen und zu sagen: “Ja, das habe ich gemacht!” 

Man wird wahrgenommen über Produkte, die nicht dem entsprechen was man eigentlich könnte (in einer idealen Welt).

ABER – und das ist der springende Punkt – man wird wahrgenommen. Und in welchem Maße, hätte ich persönlich nicht für möglich gehalten. Ich habe die Lieder auf Last.fm geladen, und immer wenn ein neues fertig war, einem Album hinzugefügt, Mixed Sessions. Und natürlich waren es immer noch unperfekte Tracks, die zeigen, dass ich auf der Suche bin; dass ich meinen Sound noch nicht gefunden hab. Doch so entstand mit der Zeit eine Kollektion von Liedern, die nach außen wie eine EP aussahen – und plötzlich wurde ich auch so wahrgenommen. 
Wildfremde Menschen gaben mir Feedback, ermutigten mich. Ich konnte sehen, dass jemand aus Japan ein bestimmtes meiner Lieder 8mal in einer Woche gehört hat. Ich bekam Nachrichten aus aller Welt –  Australien, Brasilien, Russland. 
Und so wurde diese Sache (wenn auch in kleinem Rahmen) eine Art Selbstläufer. Hin und wieder stolperten die richtigen Menschen über meine Sachen. Die, denen das gefällt, was ich da mache. Daraus folgt die (eigentlich triviale) Erkenntnis:

Wer gefunden werden will, muss Spuren hinterlassen!

Tagtäglich wuseln Millionen von Menschen durchs Internet und stolpern andauernd über irgendetwas. Irgendwann kreuzen sich die Spuren der einen mit den Pfaden der anderen und Menschen treten in Kontakt. Mein neuestes Beispiel hierfür: Jack Lane. Er macht Videos und ist per Zufall über meine Myspaceseite gestolpert. Eines meiner Lieder hat ihm dann so gefallen, dass er mich gefragt hat, ob er ein Video dafür machen kann. Ja klar, gerne.

Das ist jetzt 2 Wochen her, und das Resultat seht ihr hier:

:::: Nicken | These Days ::::

Gestern bekam ich eine Anfrage von einem Menschen aus England, der eines meiner Lieder in seinem Podcast verwenden will. Ja klar, gerne. 

Ich stehe in Kontakt mit einem Label aus San Francisco, die vielleicht eines meiner Lieder auf einem Sampler veröffentlichen wollen. Ja klar, gerne! 

Ich habe das Gefühl, dass das was gerade passiert ein Vorgang ist, der sich selbst potenziert. Je mehr Leute mich finden und mich referenzieren (ob über Video, Sampler oder Podcast), desto mehr Leute sehen mich. Und umso größer wird die Chance, dass wieder einer dabei ist, der mit mir zusammenarbeiten will. 
Ich bin wirklich voll und ganz überwältigt davon und hätte das nicht für möglich gehalten. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das alles Lieder sind, die von mir “einfach nur so” hochgeladen wurden.  

Also mein Aufruf an alle Menschen, die irgendetwas erschaffen (Videos, Musik, Grafik, Texte): Release early, release often. Ihr könnt nicht früh genug anfangen, eure Spuren zu hinterlassen! Sind diese erst einmal da, werden die Leute schon merken, wenn euer Output qualitativer, reifer und professioneller wird.

Nochmal Kreativität: Essenz der Gastvorlesung

June 3rd, 2008

Wir haben mal wieder im Rahmen des Moduls Creative Design etwas zum Thema des kreativen Denkens gehört. Diesmal aus keinem Videoschnipsel, sondern von einem echten Menschen, einem Gastredner: Luc De Schryver. Dummerweise weiß ich weder seinen Namen, noch steht dieser in irgendeinem Dokument. Schade, sonst hätte die ihn namentlich gelobt: selten hat es mir so Spaß gemacht jemandem über lange Zeit zuzuhören. Besonders sympathisch war mir, dass er es geschafft hat, die Leute bei der Stange zu halten, ohne in die klassische Rhetorik-ich-lern-Referat-halten-Trickkiste zu greifen, inkl. penibler Einhaltung der positiven Sprechebene etc. etc. Nein, bei ihm war das ganz natürlich und irgendwie eigen. Aber gut. Hier die Punkte, die es wert sind, erzählt zu werden:

  • Menschen verhalten sich immer nach bestimmten Mustern. Sie sind darauf trainiert worden. Sie wissen, dass man erst nach links und dann nach rechts guckt, wenn man über die Straße geht. Man denkt nicht darüber nach, es läuft einfach ab. Menschen tendieren ebenfalls Probleme zu lösen, indem sie auf bestimmte Muster zurückgreifen, oder in bestimmte Gedankenmuster fallen. Auf der Suche nach kreativen Lösungen auf bestimmte Fragestellungen helfen uns diese Muster nicht weiter, ja sie behindern uns sogar. Unter Zeitdruck und in Stresssituationen verfällt man einfach dem stärksten Verhaltensmuster. So lässt sich erklären, dass unter Stress keine wirklich guten Ideen entstehen.
  • In der heutigen Welt der ständigen und rapiden Veränderung fährt man sicher, wenn man auf jede Fragestellung mindestens drei gute Lösungen hat. Es gibt nicht die Lösung auf ein Problem und verschiedene Auftraggeber/Kunden haben verschiedene Präferenzen, von denen man vorher nichts wusste.
  • Kreativität beruht auf 3 Faktoren: Wissen, Fantasie und Abwägung (Knowledge, Imagination, Evaluation). Kreativität ist nichts was manche haben, manche nicht. Sie ist angeboren, alle Kinder sind kreativ. Sie haben eine vitale Fantasie. Diese wird dann während der Schullaufbahn abtrainiert. Es gibt für alles und jedes ein Richtig oder Falsch. Und so verlernen die meisten einen essentiellen Teil der “Formel Kreativ”: die Fantasie.
  • Zu guter letzt, und das fand’ ich ganz interessant: Feedback. Man kennt das problem, dass man eine Idee der Gruppe vorschlägt und die Idee sofort totdiskutiert wird. Es gibt sogar eine neurologische Begründung dafür: man hat in Hirntests beobachtet, welche Hirnregionen bei negativem und welche bei positivem Feedback aktiv sind. Das Resultat: negatives Feedback beansprucht lediglich den Hirnstamm, funktioniert also eher instinktiv; positives Feedback hingegen beansprucht den Frontallappen (zuständig für zB logisches Denken); es ist also mit mehr Hirnaktivität verbunden, positives Feedback zu geben. Na also. Hätten wir uns doch denken können. Es ist die Bequemlichkeit die uns die Gruppenmeetings zäh werden lässt.
    Zu guter letzt gab es noch 3 Feedbackregeln, für alle Leute die häufig Feedback geben müssen: ALU

    • Advantages: Man beginnt immer mit den Vorteilen der gezeigten Lösung. Auch wenn es bei wirklich schlechten Vorschlägen am Anfang schwer scheint, überhaupt einen zu finden. Es lohnt sich.
    • Limitation: Was sind die Schwächen des Problems? Diese werden aber nicht aufgezählt, sondern in W-Fragen verpackt. Also: Was muss man am Design ändern, damit das Einrad nicht mehr umkippt? (Achtung: Beispiel!)
    • Unique: Was macht den Vorschlag einzigartig?

    wenn mann es dann immer noch nicht schafft, eine Idee zu verwerten, war sie wohl wirklich schlecht. Aber immerhin war die Qualität eine andere, als die der bekannten Art-Director-Methode: *Entwurf-auf-den-Boden-schmeiß-drauf-rumstampfen* und schreien: “Scheiße! Neu!

Edward de Bono: Wahre Worte, Kreativität und anders denken

May 19th, 2008

Im Zuge meines Studienmoduls “Creative Design” haben wir dieses Video gesehen. Dr. Edward de Bono ist wohl so eine Art Guru im Bereich kreativen Denkens. Eine Stelle im Video hat bei mir sehr stark gewirkt. Schaut es euch an und passt bei Minute 1.25 besonders gut auf…

…on being different:

One of the very important things about creativity is, that the new idea, the creative idea, must have value. Far too many people, who believe they are creative, think that just being different for the sake of being different, is creative. It is not; and that is what gives creativity a bad name. 

Ich erinnere mich an eine Präsentation in meinem Studium, nach der ich öffentlich Kritik geübt habe. Ich konnte damals nicht so recht erklären, was mir genau aufstieß, aber nach diesem Video wusste ich es genau. Eine dreieckige Tür zu ‘designen’ nur um anders zu sein ist nicht kreativ. Wie eben gehört. Das war mein eigentlicher Kritikpunkt.