Moers Festival: Improvisierte Musik als Lösung aller Probleme

June 4th, 2009

Über Pfingsten war ich auf dem diesjährigen Moers Festival. Wer es nicht kennt: Schwerpunkt liegt stets darin, neue Strömungen und Musiken zu präsentieren, die im Grenzbereich von Jazz, Pop und Rock liegen. Großgeschrieben werden hier Experiment und Improvisation – wer hier herkommt sollte offen sein für ungewohntes, versuchen sich einzulassen auf Klänge, die man bis dato entweder nicht mochte oder nicht verstand. (Natürlich gibt es als Ausgleich auch jede Menge “accessible music”).

Parallel zum Hauptprogramm gibt es diverse kleinere Veranstaltungen, unter anderem die Morning Sessions: Hier werden für jeweils zwei Stunden an drei Orten Musiker zusammengewürfelt, die sich bis dato nicht kannten. Meist sind das Musiker von Hauptacts des Festivals, sie kommen aus der ganzen Welt und stehen in den Sessions auf der Bühne, um gemeinsam zu improvisieren. Was man dann zu sehen bekommt ist glückssache. Es kann sein, dass nichts entsteht, mit dem man so richtig was anfangen kann. Aber in diesem Jahr waren die Morning Sessions für mich eins der absoluten Highlights.
Es macht einfach Spaß zu sehen, wie etwas so wunderbares entsteht – vor seinen Augen, und man weiß, dass jeder einzelne auf der Bühne gerade genauso entzückt und positiv überrascht ist, über das was ungeplant und spontan plötzlich da ist.

Während ich da saß und dem Treiben zuschaute kam mir die Erkenntnis: Improvisierte Musik ist die Lösung auf alle Fragen!

Morning Session Dunkelzelt

Naja, nun gut. Vielleicht nicht ganz. Aber wenn jeder Deutsche die Fähigkeiten hätte, die diese Musiker haben, hätten wir ganz gewiss weniger Probleme in unserer Gesellschaft. Was ich meine: Dieses Setup kann man als Metapher sehen. Da stehen Menschen auf der Bühne, die sich auf eine Sprache geeinigt haben, über die sie kommunizieren und interagieren: Musik. Menschen die sich vorher nicht kannten, aber wissen, dass sie gemeinsam etwas entstehen lassen müssen. Sie wissen darum, dass nur etwas entstehen kann, wenn sie gemeinsam im Einklang agieren. Sie wissen darum, dass die Summe mehr ist als die einzelnen Teile. Der Pianist weiß einfach, dass es manchmal angebracht ist, einfach nicht zu spielen und zu warten. Warten, bis sein Element wieder ein Gewinn fürs große Ganze ist. Er weiß aber auch, das es manchmal nötig ist, nach vorne zu preschen. Den anderen, die gerade auf der Suche sind eine Richtung zu geben. Dominant zu sein. Er tut dies aber nicht ohne darauf zu achten, dass er die anderen nicht verliert. Es geht ständig nur um das Ganze, der einzelne ist nur ein kleines Zahnrad, das sich unterordnet.

Wenn alle Menschen so ein Feingefühl aufzuweisen hätten, wäre das definitiv ein Gewinn. Aber das ist natürlich Utopie. Wie sähe so eine Improvisation aus, wenn man die Maximen der Realität anwendet? Zunächst fangen alle an zusammenzuspielen. Doch dann merkt der Gitarrist, dass man ihn besser hört, wenn er lauter spielt. Er nimmt einen Verstärker zur Hilfe und trumpft über alle leiseren unverstärkten Instrumente. Doch Schlagzeug und Blasinstrumente hört man immer noch – größerer Verstärker muss her. Er verbraucht den ganzen zur Verfügung stehenden Strom, sodass die anderen keine Chance mehr haben sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Und voilà: Solokonzert des Gitarristen.

Troels Abrahamsen bringt es in seinem Track ganz gut auf den Punkt: “You have to be more like a collider”.

Wenn also improvisierte Musik und ein gutes Miteinander funktionieren sollen, muss sich jeder Akteur über das große Ganze im klaren sein. Er kann in drei verschiedenen Modi operieren:

  1. leise sein / sich zurücknehmen / warten / passiv sein
  2. mitgehen / das bestehende mittragen / nicht fallen lassen
  3. laut sein / nach vorne preschen / eine Richtung weisen

Sobald einer der Akteure nicht weiß, dass all diese Elemente im Wechselspiel zueinander stehen, leidet das Ganze. Wenn zu viele gleichzeitig denselben Modus fahren leidet das Ganze.

Morning Session Dunkelzelt

Problembewusstsein und Verantwortung

March 24th, 2009

Nach meinem letzten Beitrag blieb das Bedürfnis, klarer zu machen, was ich eigentlich sagen wollte. Hier und in den nächsten Beiträgen nochmal strukturiert:

Ich will nicht aufzählen, was die Welt für Probleme hat, das würde den Rahmen sprengen. Ich geh davon aus, dass jeder Leser hier bestimmt genug einfällt, seien es nun soziale, ökologische oder ökonomische Probleme. Global gesehen, aber auch national, regional und lokal.

Wächst man als halbwegs wacher Mensch auf, bekommt man im Laufe seiner Jugend mit, dass irgendwas mit der Welt nicht stimmt. Das Problembewusstsein fängt an sich zu formen, wenn man z.B. Bettler auf der Straße sieht oder (häufig in Jugendzeitungen) von Tierversuchen/Umweltsünden liest. Auf der Straße schauen hungernde afrikanische Kinder von Plakatwänden herab. Das alles verschafft einem Heranwachsendem Unbehagen, doch kann man das noch sehr leicht  wegschieben. Zum einen kann man da ja nichts für, zum anderen sollen sich die Erwachsenen darum kümmern.

Die Frage ist: Darf man – wenn man älter wird – weiterhin denken, dass einen das pauschal nichts angeht? Wenn man mehr lernt, mehr sieht, ein Gespür dafür bekommt wie groß das Ausmaß der Problematik ist? Kann man eine Verantwortung in die man reinwächst einfach ablehnen? Auch wenn ich nicht wirklich viel mit den Ärzten anfangen kann, so hatten sie wohl mit einer Zeile recht:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist.
Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Normalerweise geht mit dem Hören solcher Statements ein Ohnmachtsgefühl einher: “Was soll ich denn schon anrichten? Ich hab doch gar keinen Einfluss / nichts zu sagen.”

Die Antwort wäre: Natürlich kannst du als Einzelperson nicht mit einem Schlag irgendwas verändern. Es reicht vollkommen, wenn du einen kleinen Beitrag leistest, einen Misstand zu bekämpfen, der dir besonders wichtig erscheint! Oder indem du einfach nur hilfst ein Bewusstsein zu schärfen.

Problematisch wird es, und das brachte mich letztens so in Aufruhr, wenn Menschen Egoismus nicht nur ausüben, sondern auch laut proklamieren; stolz darauf sind, sich einen Dreck zu scheren um Mitmenschen und die nachfolgenden Generationen.

Tiefere Ursachen der Weltfinanzkrise

October 29th, 2008

Ist es nicht sonderbar? Die momentane Finanzkrise betrifft alle und wird doch von den wenigsten verstanden. Ich will mir gar nicht anmaßen, alles in aller Tiefe zu verstehen, doch fällt es diesmal besonders leicht sich rauszureden. Ja selbst viele Bankangestellte verstanden nicht immer, was sie da eigentlich verkauften. Wie sollen wir das dann tun? Also einfach darauf vertrauen, dass diejenigen, die das “Fachwissen” haben, die Krise schon lösen. 

Vor ca. einem Jahr wurde ich das erste Mal aufmerksam auf die Zusammenhänge im bestehenden Geldsystem. Ich sah ein Video, das sehr anschaulich erklärt, wo das Geld eigentlich herkommt, das wir tagtäglich benutzen. Kurzfassung: private Banken haben die staatliche Legitimation in bestimmten Maßen Geld zu erschaffen! Private Banken! 
Ich war wirklich schockiert und habe versucht Leuten in meinem Umfeld davon zu erzählen. Doch wie das so oft ist, warum soll man sich im Alltag irgendwelchen dubiosen Internetvideos widmen, die wie eine Verschwörungstheorie daherkommen? Die die komplette Grundlage der aktuellen Gesellschaft in Frage stellen? Nein, bin grad von der Arbeit gekommen und müde, wann anders ja?

Doch mich hatte die Problematik gepackt. Ich erfuhr von der zerstörerischen Wirkung des Zinses, davon wie sehr Real- und Geldwirtschaft auseinanderdriften, wie sehr die Zinslast vergangener Generationen die aktuelle Gesellschaft belastet. Wie konnte das bitte sein, dass unser “Wohlstand”, unsere Existenz auf einem System basiert, dem der Kollaps einprogrammiert ist? Weiß das denn keiner? 

Und dann kam auch bei mir wieder der Alltag. Natürlich habe ich diese ganze Sache nicht vergessen, und auch nicht verdrängt; einfach zunächst aufs Eis gelegt. 
Und dann Finanzkrise. Ich habe mich wirklich nicht gewundert. Für mich war von Anfang an klar, dass die Finanzkrise eine Systemkrise sein muss, und dass jetzt einfach nur das zutage kommt, was unter der Oberfläche brodelte. Doch wieder: von den oben erwähnten Problematiken war in der Öffentlichkeit nicht wirklich die Rede. Um so glücklicher war ich, als ich dann heute folgenden Vortrag zugespielt bekommen hab (danke David!). 


Ich bin schon vorher mal über einen Vortrag von Bernd Senf gestolpert und schon damals sprach er mir aus der Seele. Und hier erklärt er die oben erwähnten Zusammenhänge nochmal mit Blick auf die momentane Krise. 

Wenn ich mir das genauer überlege kann ich gar nicht fassen, dass dies keine Inhalte sind, die weit verbreitet sind. Eigentlich sollte sowas jeder wissen, jeder in der Schule beigebracht bekommen. Ich frage mich warum dieses Wissen nicht zur Politik hochschwappt. Vielleicht ist es das ja bereits und es wird nicht thematisiert, weil man sich Machtlosigkeit eingestehen müsste.

Wenn also die momentane Krise eine systemimmanente Krise ist, ist es nur eine Frage der Zeit bis die nächste kommt. Das 500 Milliarden-Paket ist also wie ein Pflaster zu verstehen, dass die akute Blutung stoppt, die Wunde aber niemals heilen wird. 

Und wenn es so ist, dass die Menschheit als Ganzes nachhaltige Klugheit wohl nur aus Fehlern erhalten kann… wieviele Finanz- und Wirtschaftskrisen brauchen wir dann noch, um die wahren Ursachen anzupacken?