Moers Festival: Improvisierte Musik als Lösung aller Probleme

June 4th, 2009

Über Pfingsten war ich auf dem diesjährigen Moers Festival. Wer es nicht kennt: Schwerpunkt liegt stets darin, neue Strömungen und Musiken zu präsentieren, die im Grenzbereich von Jazz, Pop und Rock liegen. Großgeschrieben werden hier Experiment und Improvisation – wer hier herkommt sollte offen sein für ungewohntes, versuchen sich einzulassen auf Klänge, die man bis dato entweder nicht mochte oder nicht verstand. (Natürlich gibt es als Ausgleich auch jede Menge “accessible music”).

Parallel zum Hauptprogramm gibt es diverse kleinere Veranstaltungen, unter anderem die Morning Sessions: Hier werden für jeweils zwei Stunden an drei Orten Musiker zusammengewürfelt, die sich bis dato nicht kannten. Meist sind das Musiker von Hauptacts des Festivals, sie kommen aus der ganzen Welt und stehen in den Sessions auf der Bühne, um gemeinsam zu improvisieren. Was man dann zu sehen bekommt ist glückssache. Es kann sein, dass nichts entsteht, mit dem man so richtig was anfangen kann. Aber in diesem Jahr waren die Morning Sessions für mich eins der absoluten Highlights.
Es macht einfach Spaß zu sehen, wie etwas so wunderbares entsteht – vor seinen Augen, und man weiß, dass jeder einzelne auf der Bühne gerade genauso entzückt und positiv überrascht ist, über das was ungeplant und spontan plötzlich da ist.

Während ich da saß und dem Treiben zuschaute kam mir die Erkenntnis: Improvisierte Musik ist die Lösung auf alle Fragen!

Morning Session Dunkelzelt

Naja, nun gut. Vielleicht nicht ganz. Aber wenn jeder Deutsche die Fähigkeiten hätte, die diese Musiker haben, hätten wir ganz gewiss weniger Probleme in unserer Gesellschaft. Was ich meine: Dieses Setup kann man als Metapher sehen. Da stehen Menschen auf der Bühne, die sich auf eine Sprache geeinigt haben, über die sie kommunizieren und interagieren: Musik. Menschen die sich vorher nicht kannten, aber wissen, dass sie gemeinsam etwas entstehen lassen müssen. Sie wissen darum, dass nur etwas entstehen kann, wenn sie gemeinsam im Einklang agieren. Sie wissen darum, dass die Summe mehr ist als die einzelnen Teile. Der Pianist weiß einfach, dass es manchmal angebracht ist, einfach nicht zu spielen und zu warten. Warten, bis sein Element wieder ein Gewinn fürs große Ganze ist. Er weiß aber auch, das es manchmal nötig ist, nach vorne zu preschen. Den anderen, die gerade auf der Suche sind eine Richtung zu geben. Dominant zu sein. Er tut dies aber nicht ohne darauf zu achten, dass er die anderen nicht verliert. Es geht ständig nur um das Ganze, der einzelne ist nur ein kleines Zahnrad, das sich unterordnet.

Wenn alle Menschen so ein Feingefühl aufzuweisen hätten, wäre das definitiv ein Gewinn. Aber das ist natürlich Utopie. Wie sähe so eine Improvisation aus, wenn man die Maximen der Realität anwendet? Zunächst fangen alle an zusammenzuspielen. Doch dann merkt der Gitarrist, dass man ihn besser hört, wenn er lauter spielt. Er nimmt einen Verstärker zur Hilfe und trumpft über alle leiseren unverstärkten Instrumente. Doch Schlagzeug und Blasinstrumente hört man immer noch – größerer Verstärker muss her. Er verbraucht den ganzen zur Verfügung stehenden Strom, sodass die anderen keine Chance mehr haben sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Und voilà: Solokonzert des Gitarristen.

Troels Abrahamsen bringt es in seinem Track ganz gut auf den Punkt: “You have to be more like a collider”.

Wenn also improvisierte Musik und ein gutes Miteinander funktionieren sollen, muss sich jeder Akteur über das große Ganze im klaren sein. Er kann in drei verschiedenen Modi operieren:

  1. leise sein / sich zurücknehmen / warten / passiv sein
  2. mitgehen / das bestehende mittragen / nicht fallen lassen
  3. laut sein / nach vorne preschen / eine Richtung weisen

Sobald einer der Akteure nicht weiß, dass all diese Elemente im Wechselspiel zueinander stehen, leidet das Ganze. Wenn zu viele gleichzeitig denselben Modus fahren leidet das Ganze.

Morning Session Dunkelzelt

27. April: Niklas auf Om Lounge (15 Year Anniversary Edition)

April 18th, 2009

Jaja, dieses Internet ist einfach echt eine verrückte Sache. Irgendwer meinte neulich mal “Web 2.0 – surfst du noch oder connectest du schon?” (oder so ähnlich). Ja, es stimmt; wenn man denn will kann man sich mit allen möglichen Menschen in Verbindung setzen, Menschen “begegnen” und sich Zufälle ereignen lassen.

Seit heute halte ich eine CD in den Händen, auf der ein Lied von mir drauf ist. Om Records, Amerikanisches Label, international vertrieben und vermarktet. Verrückte Welt. Danke Internet!

Das fühlt sich so ein bisschen an, wie also nun auch offiziell als Solokünstler akzeptiert zu sein.  Erstes echtes Release. Auf Amazon erscheinen. Höchst wahrscheinlich auch iTunes-Store. Release: 27. April 2009. – Tadaa:

Om Lounge (15 Year Anniversary) auf meinem Tisch

Om Lounge (15 Year Anniversary Edition)

Mein Track:

Lustig auch, dass ich nie vorhatte ein “Lounge”-Lied zu machen. Man kann es in dem Kontext einordnen, aber ich denke beim Hören des Samplers wird man feststellen, dass ich eine gewisse Außenseiterrolle einnehme. Natürlich ist das ein ruhiger Track, aber es gibt da definitiv ein paar loungigere Tracks auf der Scheibe.

Und wie das so ist mit Samplern, es gibt Lieder die mag man, manche nicht. Zum Teil war ich echt positiv überrascht, zum Teil auch gar nicht, Lounge halt :)

Also, wer Lust hat darf sich das Ding zulegen. Ich hab momentan leider nur zwei Exemplare, kann also keine verteilen. Was man vielleicht noch zum wiederholten male anbringen sollte: Leute, wenn ihr irgendwas Kreatives macht: zeigt es der Welt. Keine Scheu!

Wer gefunden werden will, muss Spuren hinterlassen.

December 19th, 2008

“Release Early, release often!”, ist  seit geraumer Zeit ein Motto in der Software- und Internetwelt: Hast du eine Idee, die du umsetzen willst – schau dass du so schnell wie möglich einen Releasekandidaten hast und veröffentliche ihn. Auch wenn noch Features fehlen. Dann update regelmäßig und füge in einem konstanten Rhytmus neue Features hinzu.  Da es schon Nutzer gibt, bekommst du regelmäßig Feedback. 

Man kann und sollte diesen Spruch nicht eins zu eins auf jegliches kreatives Schaffen übertragen, aber ich habe für mich persönlich eine Parallele gezogen. Wie manche ja bereits wissen, mache ich selber Musik und habe irgendwann angefangen am Computer Lieder aufzunehmen / Lieder zu frickeln. Es hat alles ein bisschen gedauert, man muss sich finden. Zum Musikmachen birgt der Computer sehr viele Chancen aber auch Risiken. Man hat alle Möglichkeiten, kann viele viele Sounds benutzen, läuft aber auch Gefahr, sich in der Vielzahl der Möglichkeiten zu verlaufen und seine Richtung zu verlieren. So kam es, dass ich nach einem Jahr einen riesigen Ordner auf der Festplatte liegen hatte mit angefangenen Liedern, Ideen und kleinen Fragmenten. Alles offene Enden, nichts fertiggestellt. 

Ich hatte zuvor immer den Anspruch, dass wenn ich irgendwann Lieder veröffentliche, solle das ein bestimmter Stil sein (mein Stil). Die Lieder sollten so gut sein, dass sie sofort einschlagen. Ja, ich bin Perfektionist und Musik soll vollkommen sein. Doch man steht sich selbst im Weg. Solange man noch nichts erreicht hat, ist der eigene Perfektionismus die größte Blockade.

Und irgendwann habe ich angefangen damit aufzuhören. Ich wollte mich selbst heilen: Lieder ins Internet stellen, von denen man selber schon beim hochladen weiß, an welchen Stellen etwas besser gewesen wäre, was nicht ganz stimmt und überhaupt die nicht das repräsentieren, was ich eigentlich könnte. Somit wird man gezwungen sich öffentlich zu zeigen und zu sagen: “Ja, das habe ich gemacht!” 

Man wird wahrgenommen über Produkte, die nicht dem entsprechen was man eigentlich könnte (in einer idealen Welt).

ABER – und das ist der springende Punkt – man wird wahrgenommen. Und in welchem Maße, hätte ich persönlich nicht für möglich gehalten. Ich habe die Lieder auf Last.fm geladen, und immer wenn ein neues fertig war, einem Album hinzugefügt, Mixed Sessions. Und natürlich waren es immer noch unperfekte Tracks, die zeigen, dass ich auf der Suche bin; dass ich meinen Sound noch nicht gefunden hab. Doch so entstand mit der Zeit eine Kollektion von Liedern, die nach außen wie eine EP aussahen – und plötzlich wurde ich auch so wahrgenommen. 
Wildfremde Menschen gaben mir Feedback, ermutigten mich. Ich konnte sehen, dass jemand aus Japan ein bestimmtes meiner Lieder 8mal in einer Woche gehört hat. Ich bekam Nachrichten aus aller Welt –  Australien, Brasilien, Russland. 
Und so wurde diese Sache (wenn auch in kleinem Rahmen) eine Art Selbstläufer. Hin und wieder stolperten die richtigen Menschen über meine Sachen. Die, denen das gefällt, was ich da mache. Daraus folgt die (eigentlich triviale) Erkenntnis:

Wer gefunden werden will, muss Spuren hinterlassen!

Tagtäglich wuseln Millionen von Menschen durchs Internet und stolpern andauernd über irgendetwas. Irgendwann kreuzen sich die Spuren der einen mit den Pfaden der anderen und Menschen treten in Kontakt. Mein neuestes Beispiel hierfür: Jack Lane. Er macht Videos und ist per Zufall über meine Myspaceseite gestolpert. Eines meiner Lieder hat ihm dann so gefallen, dass er mich gefragt hat, ob er ein Video dafür machen kann. Ja klar, gerne.

Das ist jetzt 2 Wochen her, und das Resultat seht ihr hier:

:::: Nicken | These Days ::::

Gestern bekam ich eine Anfrage von einem Menschen aus England, der eines meiner Lieder in seinem Podcast verwenden will. Ja klar, gerne. 

Ich stehe in Kontakt mit einem Label aus San Francisco, die vielleicht eines meiner Lieder auf einem Sampler veröffentlichen wollen. Ja klar, gerne! 

Ich habe das Gefühl, dass das was gerade passiert ein Vorgang ist, der sich selbst potenziert. Je mehr Leute mich finden und mich referenzieren (ob über Video, Sampler oder Podcast), desto mehr Leute sehen mich. Und umso größer wird die Chance, dass wieder einer dabei ist, der mit mir zusammenarbeiten will. 
Ich bin wirklich voll und ganz überwältigt davon und hätte das nicht für möglich gehalten. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das alles Lieder sind, die von mir “einfach nur so” hochgeladen wurden.  

Also mein Aufruf an alle Menschen, die irgendetwas erschaffen (Videos, Musik, Grafik, Texte): Release early, release often. Ihr könnt nicht früh genug anfangen, eure Spuren zu hinterlassen! Sind diese erst einmal da, werden die Leute schon merken, wenn euer Output qualitativer, reifer und professioneller wird.

Kurpark Classix in Aachen: sieht so die richtige Musikerziehung aus?

August 16th, 2008

Gestern morgen war ich spazieren im Aachener Stadtpark und lief vorbei an den Vorbereitungen zu den Kurpark Classix. Das ist eine Reihe von OpenAir Klassikveranstaltungen an diesem Wochenende. Auf dem Rückweg war gerade Generalprobe eines Konzerts für Kinder: Malte und die Detektive. Ich hab mich hingesetzt und die letzte halbe Stunde zugesehen. 

Das Konzept der Veranstaltung: Kindern wird die “Angst” vor Klassik genommen, indem einzelne Stücke eingebettet sind in eine Art Kinderunterhaltung. Dieser Malte ist wohl vom Tigerentenclub. Die Story: das “C” ist verloren gegangen. Malte und die Detektive gehen also auf die Suche nach der Note “C”. So treffen sie immer auf verschiedene Musiker und fragen, ob die das C haben. Niemand hat das C. Doch dann erfahren die Kinder jeweils etwas über das Instrument des jeweiligen Musikers. Und der jeweils vorgestellte Musiker spielt dann im Anschluss immer ein Stück zusammen mit dem Orchester. Klassikstücke. Zum Teil mit Opernstimme und so. Und am Ende finden sie einen Trompeter, der also doch noch das C hat. Happy End.

Klavierunterricht

Foto: photocase.com © Gerti G.

Was mich nachdenklich gemacht hat: Der Ansatz ist ja definitiv gut gemeint. Kinder langweilen sich nicht in Konzerten der Erwachsenen, sondern bekommen ständig Input. Können die Einzelheiten besser verstehen, von dem was da abgeht. “Ach, das sind also Waldhörner…” Kinder lernen spielend, wie so ein Orchester aufgebaut ist, worauf es ankommt etc…
Ziel war also definitiv, Kindern die Musik zugänglich machen. Sie dazu zu motivieren, auch ein Instrument lernen zu wollen. Das ist ja auch richtig so, Kinder sollten musizieren. Schaden tut es nie, eher im Gegenteil.

Womit ich aber immer mehr ein Problem hab, ist der Zwang: Eltern wissen, dass musikalische Kinder bestimmte Zusammenhänge schneller verstehen, lernen zu lernen, soziale Fähigkeiten entwickeln und so weiter. Heute, in Zeiten der Elite und Exzellenz, gehört es natürlich zum guten Ton, dass MEIN Sohn bei der musikalischen Früherziehung ist/war. Mein Kind soll schließlich mal Elitekind werden. Sich so entwickeln, dass es immer vorne dabei ist. Und natürlich soll es Ahnung von Kultur haben. Und zwar die richtige Kultur: Kultur unseres Verständnisses; dazu gehört natürlich klassische Musik. 
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Musik und klassische Musik gehört mitunter dazu, doch seh ich bei dieser ganzen Sache ein Problem. Wenn das Ziel ist, musikalische Kinder hervorzubringen, sollte man doch auch dafür sorgen, dass die Kinder nicht aufhören damit. Etwa damit aufhören, weil sie ihr halbes Leben dazu gezwungen worden sind. Weil Klavierübungen ihnen keine Freude war, sondern eine Pflicht, weil die Eltern ja schließlich viel Geld in den Unterricht steckten. Und was passiert, wenn sich ihre musikalische Erfahrung bis in die Teenagerjahre auf klassische Musik beschränkt? Man will dann in dieser Zeit keine Klassik hören. Man will das hören, was die anderen hören. (Ob man TokioHotel jetzt mag oder nicht, aber sie gehören wahrscheinlich dazu). Und plötzlich hat die eigene Musikalität, die sich auf Klassisches beschränkt, rein gar nichts mehr damit zu tun, was man gerne hört. Sie repräsentiert “Eltern”. Sie repräsentiert das, was man in dieser Zeit ablegen möchte. Als Resultat hören die Kinder irgendwann auf, Instrumente zu spielen, weil das nichts mehr mit ihrer Lebensrealität zu tun hat. Nicht cool. 

Und was haben die Eltern nun hervorgebracht? Kinder, die mit Musizieren Zwang und Leistungsdruck verbinden. Kinder, die sich davon befreien wollen, sobald sie’s können. 

Was hat das ganze jetzt mit Malte und den Detektiven zu tun? Malte kann nichts dafür, aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass genau diese Art von Eltern am Sonntag diese Veranstaltung besuchen. Die Art von Eltern, die ihre Kinder schonmal vorbereiten wollen auf ein kultiviertes Eliteleben. Und da stieß es mir auf. Vielleicht gehe ich ja mal morgen vorbei und schaue, ob ich recht hatte…

TuneGlue: Landkarte der Musik

June 1st, 2008

Ich weiß, die Applikation ist nicht neu, und die Chance besteht, dass sie viele schon kennen. Ich hatte aber neulich im Rahmen einer größer angelegten Prokrastinationswelle so viel Spaß mit dieser kleinen Flash-Anwendung, dass ich dachte, man müsse diese noch einmal erwähnen. 

TuneGlue

Bei TuneGlue handelt es sich um eine Art semantisches Netz von Musikern und Künstlern. Im Prinzip ist es lediglich eine Visualisierung von Datensätzen. Datensätze, die etwas darüber aussagen, inwieweit sich Künstler ähnlich sind oder auch nicht.  Sie sind bereitgestellt von den zwei größten Sammlern dieser Daten: Last.fm und Amazon. Über die Jahre sind diese Informationen immer präziser geworden, und so kann man sich das Ergebnis nun anschauen. 

Man startet mit einem beliebigen Künstler, in meinem Beispiel jetzt Lamb. Man klickt auf die Schallplatte, auf ‘Expand’ und es ordnen sich 6 weitere Künstler um den ersten an. Sie stehen in enger Verbingung, repräsentieren die “Similar Artists” von Last.fm. Öffnet man die nächste Verbindung, erschließt sich einem das Prinzip: Ähnliche Künstler ziehen sich an, Unähnliche stoßen sich ab. Das war’s eigentlich schon. Dieses Spiel des Aufklappens von Musikverknüpfungen kann man nun beliebig lange weiterführen, bis an die Grenzen der eigenen Rechnerleistung (Flash kann sehr hungrig sein…).  

Was zunächst wie Spielerei klingt, lohnt sich dennoch mal konsequent durchzuführen. Bei einer Menge von mindestens 100 offenen Künstler-Knotenpunkten ergibt sich bereits eine Art Landkarte. Und das ist wirklich interessant. Dann kann man einzelne Länder ablesen: Im Westen sammeln sich die Trip-Hopper, im Osten die ganzen weiblichen Solokünstlerinnen, wandert man Richung Norden geht’s Richtung Post-Rock, und so weiter.

Haben sich einmal diese verschiedenen Inseln gebildet ist es sehr aufschlussreich nach den entscheidenden Verbindungsknoten zu schauen. Also welche Künstler als Bindeglied zwischen den sonst so verschiedenen Musikhörerschaften und Szenen fungieren. Welche Künstler treiben einen Keil in die bestehende Landschaft? Welche Künstler verbinden den Norden mit dem Süden?

TuneGlue-Map ausgegangen von Lamb

Fazit: diese Applikation ist nicht nur für Musikbesessene wie mich interessant, um die verschiedenen Abhängigkeiten und Verbindungen der einzelnen Szenen abzulesen. Es ist auch denkbar, dass vor allem ältere Leute daran Spaß haben könnten, die nicht täglich mit Diensten wie Last.fm umgehen, da es für sie erst recht eine neue Erfahrung ist, ihre Lieblingskünstler so verknüpft zu sehen. Und zu guter letzt können Großeltern ihren Enkelkindern wieder Musik schenken, ohne dass es peinlich wird.   

Platten mit Mp3-Gutschein: The way to go?

May 28th, 2008

Aus unserer ersten Substreamer-Episode mit Ulli Rattay von Rent A Dog-Records:

Irgendwelche Leute stellen sich ja gerne hin und verkünden: “In 5 Jahren ist die CD tot”. Ja, vielleicht. Kann sein. Muss aber auch nicht sein. Was verkaufen die Bands beim Konzert? “Hier hast’n Zugangscode; kostet 15 Euro, kannste dir alles runterladen…” So soll das gehen? Wo bleibt das haptische Vergnügen?

Ja, da hat er schon nicht Unrecht, der Herr Rattay: Es gibt sie noch, die Haptiker. Diejenigen, die noch Spaß daran haben mit Musik ein reelles Produkt zu verknüpfen, etwas in der Hand zu haben, ein Artwork in gedruckter Form zu bestaunen. 

Aus aktuellem Anlass habe ich mich auch nochmal mit der Schallplatte beschäftigt. Und ist es nicht so, dass die Schallplatte eigentlich das ultimative Medium für Haptiker ist? Großes Artwork, echtes Analog-Feeling. Und das Medium ist lebendig wie nie zuvor: viele Plattenläden, die noch am Markt sind, tun dies der Plattenverkäufe und nicht der CD-Verkäufe wegen. Die komplette DJ-Kultur ist die Zelebrierung des alten Vinyl-Tonträgers. Digitale DJ-Stationen gibt es zwar immer mehr, doch werden diese die Platte nie ersetzen können. 

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf, die Platte als eigentlich wahres Haptiker-Medium, kam mir die CD wie so ein Kompromiss vor. Im Zeitverlauf war sie einfach der Übergang von Platte zu digitaler Musik: digitale Information auf plattenähnlichen optischen Datenträger gepresst. Dass man viel Flexibler ist, wenn man diese digitale Information frei verfügbar abgekoppelt vom Tonträger hat, leuchtet ein. Und ist die logische Konsequenz. Durch die fortwährende Ver-Mp3-ung der Musikhörerschaft verliert die CD nun aber immer mehr an Profil. Und mir kommt es vor, als ob sie von den Leuten gekauft wird, die zwar das Haptische schätzen, aber auch nicht auf die digitale Verfügbarkeit der Musik verzichten wollen. So kann man beides haben: ein bisschen Haptik und viel digitale Flexibilität. 

Jetzt bin ich gestern beim Stöbern über eine Schallplatte von Jack Johnson  gestolpert, auf der ein Aufkleber verkündete: “Buy this LP and download the entire album as MP3 for free!” Und da dachte ich dann, dass dies die ultimative Lösung ist: Haptiker bekommen ihren vollen Analog-Genuss und müssen trotzdem nicht auf digitale Flexibilität verzichten. Keine Kompromisse. Sollte sich dieses Modell durchsetzen, wird das zwar nicht das Ende der CD bedeuten, aber eine gewisse Käuferschaft wird dann doch eher die Platte der CD vorziehen.

STEIM: Interessantes bis Nerdiges – staatlich subventioniert?

May 24th, 2008

Per Zufall bin ich darüber gestolpert. Und man kann sagen, ich hatte meinen Spaß. Entdeckt habe ich ein Institut in Amsterdam: STEIM. Das steht für STudio for Electro-Instrumental Music; und etwas konkreter heißt das: Hier werden elektronische Instrumente gebastelt. Aus allem möglichen. Es gibt gewisse Tools, wie z.B. Max / MSP, die einem erlauben, relativ schnell und relativ (!) einfach Interfaces zu bauen – für Musik, für Visuals, oder was einem noch so einfällt. Man braucht lediglich ein Input-Gerät, wie z.B. eine Maus, ein Joystick, ein Grafiktablett etc., und sagt dem Programm dann, dass da MIDI oder ähnliches rauskommen soll… und schon hat man ein eigenes Instrument. Hört sich vielleicht ein bisschen kompliziert an, ist es aber nicht ganz. Folgendes Video zeigt den Künstler TOKTEK:

 

Wie man hier sieht, steuert er mit verschiedenen Geräten seine Musik. In der rechten Hand einen Joystick, in der Linken ein ähnliches Gerät, das auch auf Annäherung der Hand reagiert. Ob man die Musik jetzt mag oder nicht; das was ich hier besonders spannend finde: wenn man einmal die Grundlagen dieser Art Programmierung verstanden hat, ist plötzlich alles denkbar. Die einzigen Grenzen die es hier gibt sind die eigene Kreativität. Warum zum Beispiel nicht einfach so ein Programm per Bluetooth-Handy steuern und eine Handyband aufmachen? Hier zu sehen: Handydandy.

 

Ich finde das sehr spannend, schließlich bewegen sich die Leute zwischen Interfacedesign, Programmierung und Musik. Interessante Kombination. Da dieses Avantgarde-Gebaren aber definitiv nicht massentauglich ist, ist die Finanzierung eines Instituts, das solche Sachen unterstützt ein heikles Thema. Das STEIM lebte bis jetzt von staatlichen Zuschüssen, diese sollen nun gestrichen werden. Eben gerade weil diese Aktivitäten nur eine kleine Gruppe ansprechen. Schade eigentlich; generell find ich das Neue-Wege-Gehen durchaus unterstützenswert. 

Zum Abschluss vielleicht noch der Beweis, dass man mit dieser ganzen Technik nicht nur Quatsch anstellen kann: Jamie Lidell. Er kombiniert Live-Loops und den Spaß an all solchen Geräten mit einer unglaublich guten Stimme. James Brown der heutigen Tage. Sehr gut.

[Nachtrag] Ich hab das Gefühl ich müsste hier meine Ungenauigkeit begradigen: Die gezeigten Musiker haben alle nicht direkt etwas mit dem STEIM-Institut zu tun. Am STEIM geht es aber um die Technik, Geräte und Installationen, die diese Künstler benutzen. 

VETO: Crushing Digits #2

May 15th, 2008

So, nun ist es also angekommen und mehrfach gehört, das neue VETO-Album. Wie ich schon fast befürchtet hab, hatte ich in meinem vorigen Beitrag Unrecht: ein deutscher Vertrieb ist noch nicht in Sicht. Es wurde nun bei einem schwedischen Versand bestellt. Wer die Preise von Tonträgern dort kennt, weiß was das heißt. Mittlerweile habe ich auch günstigere Angebote auffinden können. Also wer das Album wie ich unbedingt physisch haben muss, kann das hier ordern für ca. 15,– inkl. Porto. 

Ob sich das lohnt? Ich sage: ja, auf jeden Fall; aber vielleicht sollte man das differenzieren. 

Auf ihrem ersten Album There Is A Beat In All Machines zeichnete sich VETOs Musik aus, durch die perfekte Kombination aus Progrock-Strukturen mit elektronischen Elementen, kombiniert mit dem fast schon intimen Gesang von Troels Abrahamsen. Ruhige Lieder gingen eher in Richtung Radiohead, die schnelleren in Richtung Bloc Party, obwohl beide Vergleiche irgendwie hinken. 

Dem neuen Album fehlen leider die ruhigen Lieder. Diejenigen, die kompromisslos unter die Haut gehen. Dennoch ist es ein absolut rundes Ding. Diese Band hat sich weiterentwickelt. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass ihr Sänger mittlerweile verstärkt in der Elektroszene unterwegs ist, als DJ und Solokünstler. Das merkt man den Liedern auf jeden Fall an. Viel mehr elektronische Elemente, auch eher Strukturen aus elektronischen Liedern. Natürlich gibt es noch Gitarre, diese wird allerdings fast nur noch als Soundelement eingesetzt, spielt keine tragende (im wörtlichen Sinne) Rolle mehr. Das kann man schade finden; oder konsequent. 

Nimmt man Crushing Digits als solches, ohne es zu vergleichen, ist es dennoch ein absolut empfehlenswertes Album. Immer noch schaffen es die VETO-Jungs, einen mitzunehmen, Stimmung zu erzeugen, gute Laune oder Energie zu verbreiten und Überraschungen in Liedern zu platzieren. Dass sie damit auf dem richtigen Weg sind, zeigt die ständig wachsende Hörerschaft. Ich weiß, dass das nicht repräsentativ ist, aber es vermittelt einen Eindruck: als ich VETO kennenlernte hatten sie ca. 1500 Hörer auf Last.fm. Heute sind es über 10 000. Im Heimatland Dänemark werden sie gerade kräftig gehypt [wie schreibt man das eingedeutscht überhaupt?], was natürlich auch mit ihrem Sony-Deal zu tun hat. Mal sehen, ob sie sich bis Deutschland durchsetzen. Verdient hätten sie das. Und wir auch. 

VETO – Crushing Digits

SuperTroels: Swept Away In A Firestorm

May 8th, 2008

Wo ich ja gerade dabei war VETO Vorschusslorbeeren für ihr neues Album zu verabreichen, gibt’s jetzt noch mehr vom VETO-Sänger auf die Ohren. Keine Ahnung, wie lang er das schon online hat, aber es kann noch nicht so lange sein. Unter seinem Solo-Pseudonym SuperTroels hat er eine digitale EP veröffentlicht.

Für Elektromusik-Liebhaber uneingeschränkt zu empfehlen. Go for it:

SuperTroels – Swept Away In A Firestorm
Swept Away In A Firestorm - Cover

 

Kenshiro im Musikbunker Aachen: Live-Musik ungewürdigt

May 6th, 2008

Schon öfters hatte ich von der Live-Drum’n'Bass-Truppe Kenshiro gehört. Hört sich an wie Patrice mit D&B-Schlagzeug, dachte ich immer. Nun gibt es ja in Aachen nicht allzu viele Live-Musiker, die sich jenseits von Punk und Metal bewegen und auch mal andere Bandkonzepte ausprobieren. Deswegen wollte ich mir Kenshiro immer mal anschauen.

Jetzt am Wochenende (03.05) haben sie eine eigene Party im Musikbunker veranstaltet: Kenshiro lädt das befreundete DJ-Kollektiv Mother Inc. zu sich nach Aachen ein, Support von Local DJs, Andy Tex Jones und Sticky Dojah. Eigentlich ein nettes Setup, doch für mich war irgendwie der Wurm drin. Was heißt für mich? Es war allgemein der Wurm drin. Ob es später noch besser wurde weiß ich nicht.

Das was mich wirklich negativ überrascht hat, war Folgendes: Kenshiro spielt als Live-Band in einem gut gefülltem großen Musikbunker-Raum und die wenigsten interessiert es. Die machen da echt gute Musik auf der Bühne und der Applaus zwischen den Liedern klingt wirklich nach “Achso, schon klatschen? Na gut.” als nach “Yeah, Mann!” Jegliche versuche der beiden Sänger die Meute zu animieren laufen ins Leere. Und nach ihrem letzten Lied, wenn sie ihre Instrumente so langsam ablegen,  um zu signalisieren, dass man jetzt auch “Zugabe” rufen dürfe, kommt ein Applaus so dürftig wie nach dem Opener. Hallo? “Ey Leute, ‘n bisschen Feedback muss jawohl sein!”, sagt einer der beiden und sie spielen trotzdem ne Zugabe. Ohne das irgendeiner im Publikum gecheckt hätte, dass das grad keine normale Pause zwischen Liedern war. Insgesamt wirklich komisch. Ich meine, die Leute haben 10 Euro bezahlt. Der Raum ist voll. Wieso passiert sowas? 

Druck: Im Musikbunker gibt es ja diverse D&B-Veranstaltungen. Eine davon heißt Massive Tunes. Ja, der Name kommt ja nicht von irgendwo. Massive. Die Leute wollen vom Bass weggedrückt werden. Auch wenn das irgendwie primitiv klingt, aber so ist es nunmal in Clubs. Laut laut laut. So könnte man ja auch den absoluten Erfolg von Justice ergründen: einfach mal kompromisslos laut! Übersetzt auf die technische Ebene heißt das: Tiefe Frequenzen schieben. So tiefe Frequenzen wie man sie vorher nie hatte. Einfach, weil kein elektro-akkustisches Instrument diese Frequenzen erzeugen kann. Wenn jetzt Kenshiro die tiefen Frequenzen mit einem gewöhnlichen E-Bass abhandeln, ist das einfach nicht druckvoll genug. Zumindest für dieses Publikum. Oder diese Zielgruppe, wie der Marketingmensch sagen würde. Unglücklicherweise war es auch noch genauso, dass das letzte Lied vom DJ vor Kenshiro gerade Justice war. Und nach diesem brachial-lautem Sound klang Kenshiro leider einfach nur wie ein Intro. Und man hat die ganze Zeit gewartet bis es anfängt. Ein Heroin-Süchtiger gibt sich ja auch nicht mit weniger zufrieden, wenn höhere Dosen gewöhnt ist. 

Publikum: Ich als Live-Musiker habe die Befürchtung, dass die ganze elektronische Musik dazu führt, dass Live-Musik nicht mehr richtig verstanden wird. Anders ausgedrückt: die Leute, die mit Elektromusik groß werden, kennen als “Live” nur irgendeinen Typen der scheinbar wichtig an irgendwelchen Knöpfen rumdreht. Halt  die Maschinen bedient. Und, dass Livemusik, da sie (zumindest mit der klassischen Besetzung) nicht den Druck bringt wie elektrische, den Leuten nicht mehr ausreicht. Der Funke springt nicht mehr über. Potentiell vorhandene sensible Sensorik überrollt von tiefen lauten Frequenzen.

Zurück zu Kenshiro: ich hatte das Gefühl, dass nur ganz wenige Leute im Publikum diese strange Situation bemerkt haben. Vielleicht muss man dafür ja Live-Musiker sein. Wer weiß. Die Jungs auf der Bühne haben das auf jeden Fall krass gespürt und sie taten mir absolut leid. Sie sind die Organisatoren einer solchen Party und man könnte meinen, dass die Leute auch wegen ihnen gekommen sind. Aber irgendwie haben genau diese Leute verpasst das zu kommunizieren. Schade.